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Ein Körpergrab des 8.-10. Jahrhunderts in Ketzin, Kr. Havelland

Die archäologische Begleitung der Bauarbeiten in der Plantagenstraße von 2010.

Ketzin im Havelland besitzt eine Reihe wichtiger Bodendenkmale. Von herausragender archäologischer Bedeutung sind das jungsteinzeitliche Gräberfeld in der Altstadt und die völkerwanderungszeitlichen Gräber in der nördlichen Peripherie. Dazu kommen Gräber der Slawenzeit, die weit über das Stadtgebiet bis hin zum Fährberg verteilt sind.
Aufgrund dieser archäologischen Bedeutung wird in Ketzin nahezu jede Baumaßnahme auf Anordnung des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege archäologisch begleitet. So auch die Sanierung von Graben- und Plantagenstraße im Sommer 2010. Dabei wurde der, das mittelalterliche Ketzin nach Norden hin begrenzende Stadtgraben und einige urgeschichtliche Siedlungsreste dokumentiert; in der Plantagenstraße fanden sich mehrere Gruben mit menschlichen Knochen.
Diese Befunde konnten nur in Teilen ausgegraben werden. Durch frühere Leitungsverlegungen waren bereits weite Bereiche der Straße gestört. Lediglich die Fußknochen eines Toten und der Schädel mit Schultergürtel lagen noch in der ursprünglichen Lage, der dazwischenliegende Rest des Skeletts war bereits zerstört. Lage und Orientierung der beiden Skelettteile deuten auf ein christliches Begräbnis hin. Etwas westlich des Schädels wurden in einer Grube Scherben eines slawischen Keramikgefäßes und Knochensplitter gefunden; durch die Keramik lässt sich diese Grube etwa ins 8.-10. Jahrhundert datieren. Leider war nicht mehr nachweisbar, ob es sich um eine einziges Grab, oder um drei unterschiedliche Befunde handelt.
Im Hinblick auf die oben erwähnten verschiedenen Bestattungsplätze in Ketzin ist eine derartige ungeklärte Situation archäologisch völlig unbefriedigend. Daher wurde eine physikalische Altersbestimmung, eine C-14 Datierung, der Knochen durchgeführt, um die Fragen zu klären, wie alt die Bestattungen sind, inwieweit Fuß und Schädel zu einem Grab gehören und ob die Grube mit dem slawischen Gefäß Teil des Grabes sein könnte.
Ein Schulterblatt, ein Sprungbein und einige Knochensplitter aus der Grube mit dem Gefäß wurden am AMS-Labor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg untersucht und der Gehalt an radiokativen Kohlenstoffisotopen gemessen. Exemplarisch soll die Analyse des Sprungbeins in der Grafik rechts unten vorgestellt werden; durch Anklicken kann das Bild vergrößert werden.
Aufgetragen sind nach rechts die Kalenderjahre und nach oben die Radiokarbonjahre. Die Bezeichnung AD bedeutet "Anno domini" und bezieht sich auf den christlichen Kalender; BP, "before present", meint die Jahre vor 1950. Die Kurve, die von links oben nach rechts unten verläuft, gibt den Zusammenhang zwischen Gehalt an radioaktiven Kohlenstoff, dem C-14, in organischer Materie und dem Alter an. Aufgrund verschiedener Faktoren ist sie sehr unregelmäßig. Die Kurve an der linken Seite gibt die im Labor gemessene Menge an C-14 im Knochen an. Da mehrfach gemessen wird und die Meßwerte variieren, werden diese als Normalverteilung um einen Mittelwert dargestellt. Die Breite dieser Verteilung und die Schwankungen der Kurve führen zu keiner eindeutigen Altersangabe, sondern müssen interpretiert werden. Eine grafische Darstellung dieser Interpretation ist als Kurve mit grauen und schwarzen Flächen unten im Diagramm wiedergegeben. Demnach ist der Knochen mit 94% Wahrscheinlichkeit zwischen den Jahren 771 und 988 nach Chr. begraben worden. Die schwarzen Flächen geben engere Zeitfenster an. So fand die Bestattung mit 3,8% Wahrscheinlichkeit zwischen 781 und 789 statt, mit 18% zwischen 809 und 847, mit 24% zwischen 853 und 899 und mit 22% zwischen 918 und 963 n. Chr.
Die Messungen der drei Befunde ergeben damit das folgende Bild: der Bereich des Schädels wurde mit einer 73%igen Wahrscheinlichkeit zwischen 761 und 900 nach Christus beerdigt, der Bereich der Füße mit 94% zwischen 771 und 988. Die Knochensplitter beim Tongefäß liegen mit 95% zwischen den Jahren 673 und 888 n. Chr.
Aus diesem Ergebnis lassen sich mehrere Schlüsse ziehen. Schädel und Füße gehören nicht zwingend zum gleichen Toten, es sind auch zwei nebeneinder liegende Gräber denkbar, die im Abstand von wenigen Jahren bis Jahrzehnten angelegt wurden. Sicher ist hingegen, dass das Ereignis im 8. bis 10. Jh. stattfand, d.h. in die slawische Epoche fällt. Sowohl die Jungsteinzeit als auch die Völkerwanderungszeit können ausgeschlossen werden. Die Grube mit dem Gefäß scheint etwas älter zu sein als das Grab, wobei zu bedenken ist, das die Knochensplitter als alter Abfall in die Grube gelangt sein können. Die Datierung der Keramik passt zur Datierung der Skelettteile.
Bemerkenswert ist, dass immerhin eine der beiden Skelettdatierungen das 10. Jh. weitgehend ausschließt. Damit liegt eine recht frühe christliche Körperbestattung im westslawischen Raum vor. Früh deshalb, weil meist von einer christlichen Missionstätigkeit erst mit Otto I. etwa ab Mitte des 10. Jahrhunderts ausgegangen wird.
Mit den Funden in der Plantagenstraße bestätigt sich ein weiteres Mal die Bedeutung Ketzins als Siedlungs- und Bestattungsplatz während der letzten 5000 Jahre.

Karte: Graf v. Schmettau; Text, Fotos, Zeichung: U. Bauer; AMS-Grafik: AMS C14-Labor.
Dieses Werk ist unter der Lizenz CC-BY-SA lizensiert.

Ketzin auf der Schmettauschen Karte des späten 18. Jahrhunderts. Die Stadt wird im Norden durch einen Graben begrenzt.
Befund 51A, ein weitgehend isolierter Schädel. Direkt daneben im Halsbereich verläuft der alte Regenwasserkanal.
Das unvollständige Keramikgefäß datiert ins 8.-10. Jahrhundert.
Grafische Darstellung der Altersbestiummung eines Fußknochens.
Quelle: AMS C14-Labor der Friedrich-Alexander-Iniversität Erlangen-Nürnberg
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